Woraus lebst du?

Vor Kurzem fiel mir ein Brief in die Hand, der mit der Überschrift versehen war: "Woraus ich lebe". Der Brief ist mit dem Namen "Jesus von Nazareth" unterzeichnet und richtet sich an einen "lieben Freund, eine liebe Freundin". Darin steht geschrieben:

"Woraus lebst du?" - das ist die beste Frage, die Du jemals an mich gerichtet hast. Denn sie zeigt mir, dass Du mich nicht zu den historischen Persönlichkeiten, also zu den Toten zählst. Ja, ich lebe, und ich lebe jetzt. Vielen ist das noch nicht aufgefallen, denn in den Medien bin ich eher unterrepräsentiert. Nun, die Show habe ich nie geliebt. Und auch in den Autos mit den Jesus-lebt-Aufklebern bin ich nicht mit letzter Sicherheit zu finden.

Ich lebe lieber in den unglaublichen Geschichten von ganz normalen Menschen. Und eigentlich ist jede Glaubensgeschichte ja eine unglaubliche Geschichte. Oder ist es etwa nicht verrückt, wenn Millionen von Menschen aus tiefster Seele an das Leben und an einen gütigen Gott glauben, obwohl sie vielleicht gerade in einem zerschossenen Haus oder auf einem schmuddeligen Krankenlager oder vor einem versiegenden Wasserloch sitzen? Oder ist es etwas nicht unglaublich, wenn Du liest, dass Schauspieler ihr luxuriöses Leben an den Nagel hängen, um in einer geistlichen Gemeinschaft für die Ärmsten da zu sein! Ich sage das nur für diejenigen, die meinen, ich sei tot.

Du, mein Freund, der Du weißt, dass ich lebe, fragst mich nun: woraus? Darf ich Dir statt einer Antwort eine Geschichte erzählen? Als ich noch Handwerker war, damals in Nazareth, und schon wusste, dass mein Vater im Himmel das Große von mir wollte, da betete ich oft zu ihm: Vater, woher soll ich die Kraft nehmen, das alles zu vollbringen, was Du von mir willst? Und mein Vater antwortete mir: "Ich bin dein Vater und du bist mein geliebter Sohn". Mehr erfuhr ich nicht; es musste mir genügen. Da dachte ich bei mir: Wie ist denn ein Vater, der zu mir sagt "geliebter Sohn"? Und ich verstand. Es ist ein Vater, der dich niemals abstürzen lässt. Und da ging ich. Ich wusste noch nicht, dass es ein Gang in die Hölle war.

War es in Kafarnaum oder in Jericho oder am See Genezareth, als ich erfuhr, dass man von der Liebe wirklich leben kann? Nicht von der Liebe der Menschen heute beten sie dich an und morgen bist du nur ein unbedeutendes Stück für sie. Ich hatte einmal Freunde, die besten der Welt. Aber in der Nacht vor meinem Tod, als ich Blut und Wasser schwitzte, da schliefen sie. Als es ans Kreuz ging, konnte ich aus ihrer Freundschaft und Liebe nicht leben. Niemand, der ans Sterben kommt, kann leben aus der Zuneigung und Liebe derer, die seine letzte Stunde umstehen. Keiner von ihnen kann dich festhalten. Ein unwiderstehlicher Sog zieht dich nach unten, du entgleitest ihnen, fällst aus ihren Händen, fällst, und fällst, und fällst…

Selbst ich habe eine Sekunde lang nicht mehr gewusst, woraus ich noch leben sollte, woran ich noch Halt fände: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen …?" Doch da am Kreuz, im Niemandsland des Lebens, in Schweiß und Blut halb ohnmächtig und vom Ersticken bedroht, fiel mir die Liebe ein, die unzerstörbare, die göttliche Liebe. Und ich dachte: Mögen sie dich kaputtmachen - es ist etwas an dir, das sie nicht kleinkriegen: "Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist." Und ich fiel. Und fiel in seine Hände. Die Liebe Gottes des Vaters gab mir nicht nur die Kraft, in Würde und Freiheit zu sterben. Aus dieser Liebe kam ich neu hervor. In dieser Liebe gewann ich das Leben und die Freude ohne Ende. Woraus ich heute lebe? Nur noch aus Liebe.

Lieber Freund, liebe Freundin, ich will die Frage umdrehen. Woraus lebst du? Von der Anerkennung, vom Erfolg, vom Genuss, durch die Kraft Deiner Ellenbogen, mit Hilfe des Alkohols? Hör auf, Du stirbst daran! Lass dich in die Liebe Gottes fallen und fang endlich an zu lieben - rücksichtslos, grenzenlos, verlustreich. Die Liebe ist das Leben. In der Liebe wirst Du auferstehen. In der Liebe wirst du nie mehr sterben. Mein Wort darauf.

Liebe Mitchristen im Pastoralverbund! Woraus lebst du? Eine Frage, die auch wir uns stellen sollten - besonders jetzt in der österlichen Bußzeit (Fastenzeit). Denn genau um die Vergewisserung dieser Frage geht es meines Erachtens in dieser 40-tägigen Vorbereitungszeit auf das große Osterfest. Am Ostergeschehen wird deutlich, was mit dem von uns gerne und oft bezeichneten Fest der Liebe, der Geburt und der Menschwerdung des Gottessohnes begonnen und sich uns durch das ganze Leben Jesu Christi, sein Wirken und seine Lehre in unüberbietbarer Weise offenbart hat. Das Ereignis von Weihnachten, Jesu Lebensweg und das Ostergeschehen stehen in einem engen, unauflösbaren Zusammenhang. Die bedingungslose und grenzenlose Liebe Gottes zu uns Menschen äußert sich doch geradezu und in letzter Konsequenz im Zeichen des Kreuzes. In der Begegnung mit dem "aus liebevollem Sinn" Gekreuzigten gelangen wir zu der österlichen Hoffnung und dem Glauben daran, dass eben nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. Christus hat durch die kompromisslose Gottes- und Nächstenliebe den Tod bezwungen und uns gezeigt: Die Liebe hat gesiegt. Die Liebe ist das Leben. In der Liebe werden wir auferstehen. Und in der Liebe werden wir nie mehr sterben. Wir haben sein Wort. Und was bedeutet das für uns? Lieben wir im Sinne Jesu Christi, denn daran werden wir erkannt werden, dass wir Jüngerinnen und Jünger des Auferstandenen sind: wenn wir lieben (vgl. Joh 13,35)!

 

In österlicher Erwartung grüßt Euch und Sie herzlich

Stefan Arnreich (Gemeindereferent)